Matthias Franz
Dipl.Des Innenarchitekt
20 Jahre Erfahrung
Dipl.Des Innenarchitekt
20 Jahre Erfahrung

Vor kurzem besuchte ich die erst kürzlich neu eröffnete Münchener Stadtteilbibliothek Neuhausen, im ‘Trafo‘.
Die geschätzten Kollegen von a+p Architekten haben hier ein gelungenes Stück Architektur geschaffen, das sich mit seiner interessant gestalteten Fassade städtebaulich wunderbar zeitgemäss in die Abwicklung der umgebenden Bauten einbindet. Dass hier eine Stadtteilbibliothek eingezogen ist, ist jedoch von außen nicht erkennbar!
Für uns Innenarchitekten ist es nun von großem Interesse, in wieweit dieser gelungene Stil auch im Innenraum umgesetzt wurde.
Um es vorweg zu sagen: der Innenraum kann die Qualität der Hülle leider nicht im Ansatz wiederholen!
Schon im Eingangsbereich wurde durch den Einsatz von Naturstein eine nutzungs- und reinigungstechnisch schwierige Materiallösung gewählt.
Der halboffene Raum offenbart dann auch gleich eines der Hauptprobleme der Bibliothek: die Akustik.
Zwar wurden mit Wandverkleidungen aus Holzlamellen attraktive Gegenmaßnahmen ergriffen, deren Wirkungsgrad ist jedoch - gemessen an der Kubatur des akustisch wirksamen Raumes - viel zu gering.

Man hört über die Geschosse hinweg vertrauliche Gespräche! Eine Situation, der in der Planungsphase offensichtlich keinerlei Bedeutung beigemessen wurde!
Die Wahl des Bodenbelages fiel richtiger Weise auf einen textilen und pflegeleichten Teppich, die Farbwahl ist jedoch unglücklich hell - es fehlt den Räumen und Möbeln an einer spürbaren Erdung.

Die Anordnung der Deckenleuchten bewirkt eine homogene Ausleuchtung der Räume. Leider wurde die falsche Lichtfarbe gewählt. Ferner blenden die sichtbar unter die Decke montierten Leuchten, eine differenzierte und gerichtete Beleuchtung fehlt weitgehend, eine atmosphärische Beleuchtung sogar ganz!
An den wenigen Regalen, an denen die Bücher doch gerichtet angeleuchtet sind, verschattet sich dann der Nutzer selbst das gesuchte Buch.
Das in der Wandverkleidung integrierte Lesemöbel im Kellergeschoss wird mit drei kleinen Niedervolt-Halogenstrahlern weder zum Lesen ausreichend noch besonders atmosphärisch ausgeleuchtet - damit verwundert es nicht, dass dort nur weniger Leser länger Platz nehmen.

Die Anordnung der rollbaren Regale wirkt eher zufällig. Das Leitsystem(das keines ist) wenig informativ und provisorisch.
Die schöne Leseterrasse lädt zum entspannten Lesen unter freiem Himmel ein, auch wenn lediglich Sitzbänke ohne Rückenlehnen an den Tischen aufgestellt sind.
Ein gelungenes Bild ergibt sich im integrierten Altbau durch den Einschub einer Brücke mit darunter liegenden Regaldurchgängen.
Auf das akustisch problematische Tonnengewölbe des Raumes wurde leider auch hier nicht eingegangen. Die auf der Brücke angeordneten Arbeitsplätze sind daher zum konzentrierten Arbeiten nicht nutzbar. Der nach oben führende Handlauf ist dabei besonders detailliert und aufwendig ausgeführt. Er ist jedoch nicht durchlaufend ausgeführt, ein sicheres Umgreifen ist nicht möglich. Damit ist er in seiner Funktion höchst fragwürdig.
In das in der Fassade inszenierte Schaufenster im 1. Obergeschoss wurde ein Kissen in der Leibung fest montiert - die Nutzer sollen hier zum entspannten Lesen animiert werden.
Doch wer setzt sich schon gerne mit dem Rücken nach aussen in ein Schaufenster ohne eine Möglichkeit zum anlehnen? Hier hätte die umgekehrte Lösung dem
angestrengten Auge zum einen den entspannenden Weitblick in die Ferne ermöglichen können. Zum anderen hätte man so das Sehen und Gesehen werden wirkungsvoll inszenieren können.

Die sehr stark orientalisch angehauchte Kinderbuchabteilung verwundert im
gestalterischen Gesamtkonzept.
Eine moderne und zukunftsweisende spiel- und lernunterstützenden Einrichtung fehlt noch gänzlich.


Ein Wohlfühlort Bibliothek sieht meiner Meinung nach anders aus….
Vor kurzem wurde ich zur Einweihung des neuen ServiceCenters der Augsburger Aktienbank eingeladen.
Auch wenn die Nachrichten aus der Bankenwelt mich zunehmend aufregen, habe ich doch auch Positives zu berichten.
Positive Nachrichten von einer Bank? - was könnte das sein?


Der Mut der Augsburger Aktienbank gerade jetzt mit einer aussergewöhnlichen Innenarchitektur den Kundenbereich zu verändern, sollte Schule machen.
Viele Banken schotten sich eher dem Kunden gegenüber ab, in protzigen Palästen aus Stahl, Marmor und Glas.

Die Augsburger Aktienbank öffnet sich in ungewohnter Weise dem Kunden durch ein fast wohnliches Ambiente, mit organischen Formen, dem Ei-Sessel von Arne Jacobsen [Designklassiker!] - www.fritzhansen.com - auf einem grossen flauschigen Teppich [nicht Flokati!]. In die organisch geformte Wand des ServiceCenters wurden so genannte Beraterboxen eingesteckt, die durch Glasfronten Einblick zulassen und dennoch einen akustisch geschützten Raum bilden.

Diese Boxen sind für den einen oder anderen sicherlich gewöhnungsbedürftig, ich finde jedoch damit entsteht Vertrauen in die Offenheit einer Bank.
Wunderbar ist die Farbgebung - alles in Weiss! Weiss ist nicht gleich Weiss und so hat der Kollege [auch wenn er ’nur’ Architekt ist!] alle Nuancen von Weiss harmonisch zusammengebracht - sicher nicht ganz pflegeleicht.
Auf den ersten Blick ist man von soviel Unschuld und Reinheit fast geblendet.

Bei der Beleuchtung wurden leider nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Die Beraterboxen sind sehr aufwendig und doch nicht ideal ausgeleuchtet. Die Formenvielfalt des Hauptraumes hätte man mit entsprechendem Licht noch stärker akzentuieren können.
Der Gesamteindruck? Er lässt hoffen auf mutige Bauherren, ohne die gute Architektur / Innenarchitektur nicht möglich ist…