Verkaufswelten.Innenarchitektur im Handel

 Vor kurzem stöberte ich mal wieder im Netz wie wahrscheinlich 95 % der übrigen Bevölkerung - ich war auf der Suche nach Winterschuhen..

Leider führen auf den websiten der meissten Unternehmen das Finden der Filialen oder der „stationären“ Verkaufstellen ein eigenartiges Schattendasein. Schamhaft versteckt oft in der untersten Leiste, findet man, wenn man Glück hat, noch die Anschrift, manchmal garniert von einem mehr oder weniger guten Foto, auf dem sich fast nichts erkennen lässt.

 
Hier ein Beispiel www.schreiber-buch.de auf deren website konnte ich überhaupt keine Filialen finden (ich weiss aber, dass sie 5 betreiben..nur woher soll der Besucher, der sich vielleicht hierhin verirrt das nun auch wissen?).
 
Soll ich vielleicht gar nicht vor Ort erscheinen? Soll ich direkt das gewünschte Produkt nach Hause ordern? Was ist aber, wenn ich mich im Netz vorinformiere - wie das viele Kunden mittlerweile praktizieren- und dann im Laden stöbern möchte?
Da sollte doch zumindest auch ein gestalterischer Anreiz vorhanden sein,  die „Verkaufswelt“ betreten und im besten Falle auch noch dort länger verweilen zu wollen.
 
Auch ist die gestalterische Diskrepanz zwischen gut gelayouteter website und in die Jahre gekommener Ladeneinrichtung, kombiniert mit schlechtem Licht immer wieder amüsant (Die Variante gibt es umgekehrt übrigens nie).
Um auf das Thema Schuhe zurückzukommen www.tretter.com ist in München natürlich sehr bekannt. Wenn man die webiste besucht und danach eines der Geschäfte wundert man sich wirklich, was das eine gestalterisch mit dem anderen zu tun haben soll..abgesehen davon, dass es sich in beiden Fällen um Schuhe handelt.
Oder mal ein Beispiel aus der Mode, www.woehrl.de, überregional bekannter Name, die Auswahl und Qualität der Filialfotos ist gelinde gesagt stümperhaft. Reizt nicht gerade zum Besuch vor Ort.
 
Jaja, ich weiss, alles immer auf dem neuesten Stand zu halten geht ins Geld und ist meist auch nicht realisierbar. Aber kann man sich nicht wenigstens an gestalterische Grundprinzipien halten? Vielleicht ein durchgängiges Farb-und Materialkonzept, dass sich in website und stationärem Handel wiederfindet? Das würde dem Aussenauftritt ein deutliches Gewicht geben. Glaubwürdigkeit, z.B. „Schaut her, bei uns weiss die rechte Hand, was die linke macht und der Kopf oben drüber hat sogar darüber nachgedacht.“
 
Wenn man dann vor Ort auch noch freundlich empfangen wird – ist der Kunde geneigt gerne wiederzukommen, mobil, digital und persönlich.

 Vor kurzem nahm ich an der EHI Retail Design Konferenz in Köln teil.
Was sich durch alle Beiträge der sehr unterschiedlichen Referenten zog, war die Erkenntnis und Bereitschaft des Handels, die Einrichtung zu verbessern.

Bildete den furiosen Auftakt der Veranstaltung:
Nils Müller, TrendONE
Copyright EHI Retail Institute

Interessant waren die Informationen aus den Reihen der Retailer, die
definierten, welche Anforderungen in den kommenden Jahren zu
bewältigen sind:
- unerlässlich wird die permanente Beobachtung des Marktes sein,
um zu wissen, was der Kunde wünscht und welche Bedürfnisse er
mit seinem Konsum befriedigen möchte
- die Bedeutung der Informationstechnologie gerade für den stationären
Handel! Mehr als 16% des gesamten Umsatzes werden heute online
erwirtschaftet - Tendenz steigend. Da können die Shop-Konzepte nicht
mehr ohne Berücksichtigung des virtuellen Auftritts geplant werden.
Jeder kennt natürlich auch selbst die manchmal sehr ernüchternden
Beispiele, wo man nach dem Besuch der gut gestalteten website auf
gestalterisches Nirwana im real life trifft. (was z.B. in der Hotel-Branche,
aber auch in anderen Branchen, doch öfters anzutreffen ist - da fühlt man
sich als Kunde manchmal doch - mit Verlaub „beschissen“)
- ein weiterer sozialer Trend, der auf dem Kongress unter die Lupe
genommen wurde, ist die Individualisierung der Gesellschaft, die sich in
der Zukunft weiter fortsetzen wird. Was beutet dies für den Handel? Produkte
sollen und werden mit emotionaler Aufwertung inszeniert, Eigenmarken mit
Persönlichkeit positioniert und Sortimente mit Botschaften versehen.
Ausgeklügelte Beleuchtungskonzepte und die Strukturierung des Raumes
dienen dazu, ein angenehmes und stimmiges Gefühl bei den jeweiligen
„Individuen“ sprich Kunden auszulösen.
- auch der Wunsch einer zunehmenden Käuferschicht, ökologisch und ethisch
korrekt zu konsumieren, ist ein individuelles Thema, welches vom Handel mit
einem entsprechenden Produktangebot aufgegriffen wird, um eine zunehmend lukrative Nische zu besetzen. Endlich! möchte man rufen, nicht zur lukrativen
Nische, aber zum nachhaltigen Wirtschaften und Bauen. Wie lange hat
dieses Thema gebraucht , um den Handel zu erreichen?!
 

Podiumsdiskussion "Grüner Ladenbau": Mike Winkler (Alnatura),
Claus Schmidt (Assmann), Claudia Horbert, Carsten Schemberg
(Schemberg), Architekt Prof. Moths und Harald Fischer (Rewe)
wagten einen Ausblick

Copyright EHI Retail Institute

- Ein weiterer sehr wichtiger Trend lautet Umbau statt Neueröffnung! Der
Bestand soll nachhaltig (ein Wort an dem ich einfach nicht vorbeikomme)
gesichert werden. Noch dazu, wo in immer kürzer werdenden Zyklen umgebaut,
sich und die Marke erneuert und relauncht wird.

Das Wichtigste Thema allerdings steht völlig unabhängig von der jeweiligen
Zielgruppe oder Altersschicht: das Bedürfnis ein Wohlfühl-Ambiente
vorzufinden. Sich treiben lassen, mal dort, mal hier schauen..verweilen…
Um dieses zu erreichen sind gekonnte Zonierung, Laufführung, excellente
Lichtkonzepte, entsprechende Farb-und Materialwahl unbedingt erforderlich.
Sie sehen – auch und gerade wir Innenarchitekten sind permanent gefordert…

 

 

Vor Kurzem wurden in Berlin wieder einmal weitreichende Entschlüsse gefaßt:
Die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, der Zusammenschluß  aus der Berliner Stadtbibliothek und der Amerika Gedenkbibliothek,  soll sich in der Humboldt-Box und später im Humboldt-Forum als moderne, kundenorientierte Dienstleistungseinrichtung der Wissenschaft des 21. Jahrhunderts präsentieren.
Die Humboldt-Box wird derzeit aufwendig auf dem Schloßplatzareal zwischen der Baustelle des neuen Stadtschlosses und dem gegenüber liegenden Lustgarten errichtet.
Betreiber und Entwickler ist die Fa. Megaposter (www.megaposter.de).


Diese erhofft sich durch das Projekt, das sich durch Eintrittsgelder der hoffentlich zahllreichen Besucher refinanzieren soll, einen großen Imageschub.
Für die wirklich spektakuläre, moderne und metallisch- gewebeartige Gestalt der Box zeichnet das Berliner Architekturbüro KSV Krüger Schuberth Vandreike (Planung und Kommunikation GmbH) verantwortlich.
Die ca. 1.200 m² Gesamtfläche werden sich dabei die drei Partner des Humboldt-Forums, die ZLB (Zentral-und Landesbibliothek), die staatlichen Museen zu Berlin und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz  mit mehreren Veranstaltungsräumen, Cafes und Aussichtsterrassen in rund 20 m Höhe teilen.Unser Büro Matthias Franz Innenarchitekten GmbH wird die Ausstellungsfläche der Zentral- und Landesbibliothek Berlin in der Box planen und ausbauen lassen - ein in jeder Hinsicht zukunftsträchtiges Projekt ! 



Entwurf: Matthias Franz Innenarchitekten GmbH 

In enger Zusammenarbeit mit den Beteiligten von der ZLB gestalten wir die vier Bereiche Lesen, Musik und Film sowie Kinder- und Jugendbuch modern und dem Zeitgeist entsprechend. Eine spannende Herausforderung - gilt es doch hier die Trends der modernen Bibliothek als Kommunikations- und gleichzeitig Lern- bzw. Studienort aufzuzeigen.
Die Fläche wird gleichzeitig Schaufenster für das spätere Erscheinungsbild der ZLB im Humboldt-Forum sein, welches dann in geschätzten 5 - 8 (?) Jahren fertiggestellt sein soll.
Nach den neuesten Sparbeschlüssen aus der Politik ist aus heutiger Sicht wohl der Fertigstellungszeitpunkt mehr denn je mit großen Fragezeichen versehen.
Wäre es nicht die Chance überhaupt den Nachbau eines alten Schlosses völlig neu zu überdenken und wie oben beschrieben gerade gestalterisch daraus ein zukunftsträchtiges Projekt zu entwickeln? Wie formuliert es die Süddeutsche Zeitung so treffend - die letzten berliner Baujahre sind vor allem ein Zeichen dafür, dass sich die Stadt mit der „Natursteinindustrie verbündet hat“.

Darüber hinaus wurde die Planung der neuen Bibliotheksräume [4.000 m²] als Aufgabe für Kommunikationsdesigner in Verbindung mit dem Leitsystem für das gesamte Schloss [27.000 m²] kombiniert ?!
Richtig wäre gewesen, dies als eigenständige Planungsleistung für Innenarchitekten auszuschreiben.

Fortsetzung folgt…
 

Vor kurzem besuchte ich die Domotex-Messe in Hannover. Im Rahmen der contract world habe ich mir viele Vorträge angehört. Dabei ist mir wieder einmal klar geworden, wie wichtig unser Berufstand u.a. für den Einzelhandel ist.

Da sich die Wege zur Kundenbindung und das Kaufverhalten der Kunden im Einzelhandel in den letzten Jahren grundsätzlich verändert haben, werden wir Planer in der Innenarchitektur mehr denn je zu Trend-scouts.

Dabei stellen sich mir grundsätzliche Fragen:
Was sind die Trends von heute und morgen ?

Trends sind z.B. die Rückkehr zur Natur, der Wunsch nach Natürlichkeit und Erlebbarkeit (durchaus in Kombination mit modernster Technik) und auch die zunehmende Bedeutung von Wellness und Entschleunigung.

Hoteliers haben dies schon länger erkannt und lassen neue Erlebniswelten schaffen.

Ein wunderbares Beispiel dafür ist das Tschuggen Grandhotel in Arosa (Schweiz), das durch gute Innenarchitektur einen deutlichen Mehrwert erzielt: in die Landschaft eingegraben, Ausblick auf die Berge, inszeniertes Tages- und Kunstlicht, die umgebende Natur nach innen geholt.

Mit Mehrwert meine ich zum einen die höhere Auslastung, die seit Realisierung des Wellness-Bereiches -mit Materialien aus der Region- deutlich zugenommen hat. Zum anderen ist dieser Mehrwert auch wörtlich zu nehmen. Mehr-Wert heisst mehr bieten können, heist mehr Umsatz generieren.

Was heißt das für den Einzelhandel?
Im Prinzip das Gleiche. Nur wer in seine Läden deutlich investiert, wird auch deutlich Mehr-Wert erzielen.

Was erwartet der Kunde zukünftig?
Erlebnis, Service, Innovationen, wertiges Umfeld unabhängig von der Preisklasse des Produkts. Globetrotter in Köln z.B. bietet seinen Kunden ein Einkaufserlebnis der besonderen Art: Schwimmbecken, Radrennbahn, Kletterwände ..., um nur einige zu nennen. Der Bezug zur Natur ist visuell erlebbar durch bedruckte Textilflächen unter dem Glasdach / Oberlicht, die einem das Gefühl vermitteln, man befinde sich mitten in einem Birkenwald.

Jetzt sind Menschen gefragt, die sich von den Meldungen zur Wirtschaftskrise nicht durcheinander bringen lassen und in die Zukunft investieren - Menschen mit Mut und Weitblick.

Es gibt viel zu tun - fangen wir an!